****** In Deutschland neigt man dazu, grundsätzlich jegliche Musik in eine bestimmte Schublade zu packen. Oberstes Kriterium ist dabei die sogenannte E-Musik und die U-Musik. Allerdings kann man sich schon einmal die Frage stellen, wo endet die ernste (E) Musik und wo beginnt die Unterhaltungsmusik (U). Manchmal sind die Grenzen fließend und vieles der sogenannten E-Musik wirkt bei näheren Betrachten eher komisch als ernst. Ein solcher Grenzfall zwischen E-Musik und U-Musik ist meines Erachtens die deutsche Gruppe Popol Vuh (wobei ihre Musik alles andere als komisch ist). Zusammen mit Frank Fiedler und Holger Trülzsch stellte der ehemalige Musikkritiker und Kurzfilmer Florian Fricke 1969 die erste Popol Vuh Besetzung zusammen. In dieser Formation entstand 1970 die erste LP „Affenstunde“. Im Mittelpunkt der beiden seitenlangen Stücke stand der damals noch relativ neue Synthesizer und die Gruppe spielte einen traumhaft-versponnenen Sound, der vor allem in Drogenkreisen auf eine breite Resonanz stieß. Das war aber nicht die Absicht des künstlerisch ambitionierten Florian Fricke und aus diesem Grund formierte er nicht nur die Gruppe neu, sondern änderte auch die musikalische Ausrichtung von Popol Vuh. In der Besetzung Florian Fricke (Piano, Cembalo), Djong Yun (Gesang), Conny Veit (Gitarre), Robert Eliscu (Oboe), Klaus Wiese (Tamboura) und Fritz Sonnenleitner (Violine) entstand 1971 „Hosianna Mantra“, einem laut Gruppeninfo „Werk mit christlich religiös ausgerichteter Musik“. Die Titel der einzelnen Stücke und auch deren kargen Texte haben einen eindeutig religiösen Bezug (z.B. „Kyrie“, „Segnung“, „Nicht hoch im Himmel“). Wer dagegen entsprechend sakrale Musik erwartet wird enttäuscht oder auch angenehm überrascht. Diese klingt versponnen und andächtig zugleich (Anhänger kirchlicher Musik werden mit Sicherheit bitter enttäuscht sein, Freunde von einen gepflegten LSD-Trip finden in ihr die ideale Hintergrundmusik). Beeindruckend an „Hosianna Mantra“ sind die sehr sorgfältigen Kompositionen von Florian Fricke, das sehr disziplinierte, eng aufeinander abgestimmte Zusammenspiel der Musiker und die engelhafte Stimme der Koreanerin Djong Yun. Bei seinem Erscheinen wurde das Werk von den Kritikern hochgelobt, vom Publikum dagegen kaum zur Kenntnis genommen. Gleichzeitig zeigt „Hosianna Mantra“ auch die Vielfältig der lange geschmähten deutschen Rockszene auf. Im Gegensatz zu ihren anglo-amerikanischen Konkurrenten zeigten deutsche Gruppe eine enorme musikalischen Vielfalt und eine unglaubliche Ernsthaftigkeit, mit der deutsche Musiker ihre Projekte angingen. Hier ließen ambitionierte Künstler (viele von ihnen mit akademischen Hintergrund wie z.B. Irmin Schmidt von Can) ihrer Kreativität freien Lauf und schufen bemerkenswerte Werke, die heute leider zu Unrecht vergessen sind und auch zum größten teil nicht mehr erhältlich sind. Andererseits kann man diesen Musikern den Vorwurf machen, daß sie mit ihren Werken das Publikum schlichtweg überfordert haben bzw. an den Interessen des breiten Publikums vorbeigespielt haben. Popol Vuhs „Hosianna Mantra“ ist ein Paradebeispiel dafür. Dieses Werk verfügt über eine Klasse, die seinerzeit selbst international seinesgleichen suchte. Leider wird dieses Werk dem breiten Publikum auf alle Zeit verborgen bleiben und nur einem kleinen Insiderpublikum zugänglich sein. Wer sich einmal in ein wirklich außergewöhnliches Werk aus einer längst vergangenen Zeit vertiefen will, der sollte sich unbedingt einmal Popol Vuhs „Hosianna Mantra“ zu Gemüte führen. „Hosianna Mantra“ ist ein Werk, das es verdient, endlich entdeckt zu werden. |